1882 – 1926
1882 – 1926
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Nach den Gehilfejahren muss sich Paul Galli mit dem Gedanken einer Geschäftsgründung befassen. Im Jahre 1882 übernimmt er von einem Uhrmacher ein kleines Geschäft an der Oberdorfstrasse. Es bestand aus einem kleinen ziemlich dunklen Raum und einem Schaufenster und war so unspektakulär, dass leider genaue Unterlagen fehlen. Nach mündlicher Überlieferung muss das Geschäft in der Mitte zwischen Rämistrasse und der Kirchgasse gelegen haben. Die Oberdorfstrasse war um 1900 eine sehr belebte Geschäftsstrasse und verlor erst mit dem Ausbau der Bahnhofstrasse an Bedeutung. Mit dem Anfangskapital von CHF 500.- wurden einige gebrauchte Taschenuhren gekauft, hergerichtet und im Schaufenster ausgestellt. Das war damals das gesamte Warenlager. Die Hauptarbeit bestand nicht im Verkauf dieser Uhren, sondern in der Reparatur. Da Zürich bis zum ersten Weltkrieg eine stark überfremdete Stadt war und etwa 1/3 der Bewohner deutsche Staatsbürger waren, konnte Paul Galli sich schnell ein treue Kundschaft aufbauen.
Mit dem Anfangskapital von CHF 500.- wurden einige gebrauchte Taschenuhren gekauft, hergerichtet und im Schaufenster ausgestellt. Das war damals das gesamte Warenlager.
Durch den Erfolg bestätigt, sah sich Paul Galli gezwungen, ein neues Ladenlokal zu suchen. Er wurde am Tonhallenplatz an der Tonhallenstrasse 20 – der heutigen Theaterstrasse 20 – fündig und richtete sich neben einem Schuhmacher und Konditor als Horlogeire P. Galli ein. Die Ladenfläche war nun grösser als noch an der Oberdorfstrasse und somit konnten erstmals direkt ab Fabrik Uhren eingekauft werden. Das Gebiet gehörte zu jener Zeit noch nicht zu Stadtkern und die Geschäftslage war damals nicht besonders gut, dafür war die Aussicht von hier aus sehr schön und aus diesem Grund wurde der Platz umgangssprachlich auch Bellevueplatz genannt. Mit dem Umzug begann ein neuer Abschnitt in der Entwicklung und Vergrösserung des Geschäfts. Vorerst galt es, den Kundenstamm zu behalten und auszuweiten. Der Bellevueplatz in der damaligen Gestaltung war noch komplett leer. Einige Droschken waren da „parkiert“ und wenn man irgendwohin wollte, musste man den Rosselenker zuerst im hinteren oder vorderen Sternen suchen. Anstatt dem elektrischen Tram von heute verkehrte noch das Rösslitram, vom Hauptbahnhof über das Limmatquai zum Bellevue und an den Tiefenbrunnen, welches übrigens auch 1882 gegründet wurde. Die elektrische Strassenbahn, oder Tram, kam erst um die Jahrhundertwende. Sie verkehrte den Zürichberg hinauf vom Bellevue in die alte Kirche Fluntern. Infolge ihres gelben Anstrichs wurde sie im Volksmund auch „Flunterner Eierkiste“ genannt. Das um 1890 abgerissene ländliche Patrizierhaus, genannt „zum langen Stadelhof“, wurde neu gebaut und 1899 von Paul Galli neu bezogen. Noch heute ist die Galli Uhren Bijouterie AG an diesem prominenten Standort vertreten.
Vor Paul Galli war der Coiffeurmeister Rösler Mieter an der Theaterstrasse 16. Dem wurde der Jahresmietzins von 1‘800.- aber zur Last und blieb die Miete schuldig. Nach dem Einzug an der Theaterstrasse 16 galt es erst einmal Mobiliar zu beschaffen. Neues Mobiliar war zu teuer und glücklicherweise liquidierte ein Souvenir-Geschäft im Hotel Bellevue seinen Betrieb. So konnte von Herrn Österreicher-Schüssel, so hiess der Besitzer des Souvenirgeschäfts, Paul Gallis erstes Ladenmobiliar erworben werden. Als 1905 die Mittel vorhanden waren, konnte bei der damaligen Schreinerei Hess, eine eigene neue Ladeneinrichtung hergestellt werden.
Aus dem Katalog der Firma Galli sind auch die Preise ersichtlich, die damals für Uhren bezahlt wurden. Silberne Damentaschenuhren gingen damals für 18.- bis 30.- Schweizer Franken über den Ladentisch, während goldene schon 30.- bis 60.- CHF kosteten. Sehr ähnlich verhielten sich die Preise von Herrenuhren. Natürlich sind auch die Preise für Reparatur und Service ersichtlich. Eine Revision und Reinigung kostete zwischen 4.- und 5.- Franken und wurde von der Kundschaft als hoch befunden. Die Gehälter von Uhrenmachern betrugen 25.- bis 30.- Franken pro Woche, ohne Kost und Logis. Im Vergleich dazu die Preisliste von Otto Seemann aus Zürich, der Wurstwaren und Fisch verkaufte. Ein Pfund Mailänder Salami war für 1.70, Seefische gar ab 0.30 CHF zu kaufen.
Paul Galli war ein unermüdlicher Schaffer. Als erster Uhrmacher auf dem Platz Zürich der die Schaufenster elektrisch beleuchtete sorgte er bei der Konkurrenz für Unbehagen. Durch den engen Kontakt mit den Concierges aller guten Hotels konnten auch Touristen direkt ans Bellevue zum Galli verwiesen werden. Trotz des Erfolges kam ein gewaltiger Rückschlag. Alles was in 15 Jahren harter Arbeit erarbeitet wurde, ging in einer Nacht verloren. Eine Diebesbande plünderte das ganze Warenlager!
Es war im April 1897 als eines Abends Paul Galli mit seiner Frau nach dem Feierabend noch das Schaufenster putzte. Das dauerte bis gegen 11 Uhr nachts, da man damals die Geschäfte nicht vor 9 Uhr abends schloss. So müde wie beide waren schlossen sie nicht wie üblich die Uhren in den Kassaschrank ein und gerade in dieser Nacht wurde eingebrochen. Das gesamte Warenlager mit Ausnahme der Reparaturen wurde geraubt. Eine Einbruchsversicherung war nicht vorhanden und so konnte Paul Galli mit seinem Geschäft wieder von vorne anfangen. Zeitdokumente schildern die damals schwierige Zeit nach dem Einbruch. Es ist ersichtlich, dass eine 10 köpfige italienische Diebesbande (es waren auch Frauen und Kinder dabei) am Einbruch und an der Verteilung der Beute beteiligt war. Einige Uhren tauchten in Leihhäusern in Trient und Verona wieder auf. Paul Galli reiste dahin und löste die Uhren wieder aus. 4 Diebe konnten gefasst werden und weitere Uhren tauchten in Trient unter dem Fussboden eines Hehlers wieder auf. Durch die Verpfändung des Warenlagers bei der Pfandleihanstalt konnte wieder Liquidität beschafft werden. Sobald das notwendige Geld zur Einlösung verfügbar war, wurde die Ware wieder ausgelöst. Dies führte zu enorm hohen Kosten, kleinem Verdienst und einigen Jahren mit vielen Sorgen und Mühen.
Durch die Weltausstellung und Paris im Jahre 1900 hatte das Geschäft wieder einen Aufschwung erlebt. Vorerst einmal durch den Umzug von der Theaterstrasse 20 in die Nummer 16. Und durch den Besucherstrom, der nach dem Besuch der Pariser Weltausstellung einsetzte. Das Geschäft generierte wieder regelmässige Einnahmen und zeichnete eine sehr positive Zeit zwischen 1900 und 1914 aus.
In diese Zeit fallen auch Versuche mit dem Ausland ins Geschäft zu kommen. Ganz bekannte Persönlichkeiten dieser Epoche wurden Kunden der Firma P. Galli. So der damalige Schah von Persien (der im Baur au Lac hauste) der später eine goldene mit Brillanten besetzte Herrentaschenuhr für CHF 20‘000.- kaufte. So soll auch die Grossherzogin von Baden, Frau Klinger, und viele andere bekannte Persönlichkeiten Kunde von P. Galli gewesen sein.
Ganz bekannte Persönlichkeiten dieser Epoche wurden Kunden der Firma P. Galli. So der damalige Schah von Persien, der später eine goldene mit Brillanten besetzte Herrentaschenuhr für CHF 20‘000.- kaufte.
Mit Beginn des ersten Weltkrieges im Jahre 1914 trat eine Wende im nun schon 32 jährigen Unternehmen ein. Alle militärpflichtigen Schweizer wurden zu den Waffen gerufen und sämtliche Ausländer verliessen fluchtartig die Schweiz. Somit erlahmte der Geschäftsverkehr in den ersten 6 Monaten des Krieges vollständig. In Ermangelung von Gesellen musste die Uhrmacherwerkstatt an der Stadelhofenstrasse geschlossen werden und wurde nicht wieder eröffnet. Auf der Strasse rissen sich Passanten und Geschäftsleute fast jeden Tag die Zeitungen und Sonderbeilagen aus den Händen, sprachen nur vom Krieg und hatten grosse Angst, dass auch die Schweiz in den unheilvollen Konflikt hineingezogen werden könnte. Die Monate verstrichen und das Geschäft war zur Nebensache geworden. Aus Furcht vor dem Krieg verkauften zahlreiche Hausbesitzer in der ganzen Stadt ihre Liegenschaften und mitten in der gespannten Lage wurde Paul Galli vor seine nächste Herausforderung gestellt. Der Eigentümer der Liegenschaft Theaterstrasse 16, Herr A. Jucker-Huber, bot ihm nämlich die Liegenschaft zum Kauf an. Herr Jucker-Huber war ein gefürchteter Mann und unter den Seinen als Grobian bekannt. Das Angebot lautete wie folgt. Kaufen oder nicht Kaufen, 8 Tage Bedenkzeit. Mit Unterstützung des schweizerischen Bankvereins konnte Paul Galli am 9. Oktober 1915 die Liegenschaft erwerben. Die Furcht vor dem Krieg und dessen Folgen war derart gross, dass zur Zeit des Kaufes nicht ein einziger anderer Interessent zugegen war. Paul Galli zeigt trotz der unsicheren Wirtschaftslage im Kriegsjahr 1915 Mut – und greift zu.